Karaoke – Fluch oder Segen?

Früher noch als asiatische Marotte belächelt, schwappte in den später 90-ern die Karaokewelle nach Europa. Entsprechende Bars schossen wie Schwammerl aus dem Boden, eigene Clubs und Vereine wurde gegründet; genau wie Halloweenpartys war Karaoke um die Jahrtausendwende total angesagt. Das Prinzip „Fünf Minuten Ruhm für jede“ war gerade im Entstehen (und wurde nicht lange danach mittels Castingshows weiterentwickelt). Jetzt galt es, die eigene Schüchternheit zu überwinden und (notfalls mit alkoholischer Unterstützung) den jeweiligen Lieblingssong mehr oder weniger gut erkennbar zum Besten zu geben. Es war völlig klar, dass sich dort nur Hobbysängerinnen ohne jegliche Ausbildung herumtrieben – dementsprechend waren die Ansprüche überschaubar. Im Prinzip bekam schon allein der Mut zur Entscheidung, sich auf die Bühne zu trauen, Applaus. Ich war damals noch von keinerlei Gesangserfahrung, geschweige denn -ausbildung belastet und erinnere mich an (feucht-)fröhliche Abende unter Gleichgesinnten, oft Zufallsbekanntschaften, an tolle Gemeinschaftsprojekte (We are the World!) und zufällige Glückswürfe bei spontan ausprobierten Duetten. Natürlich auch an peinliche Katastrophen, teilweise selbst verschuldet (Mist, war der Song immer schon so hoch?), teilweise auch durch äußere Umstände (defektes Video ohne Text). Triumph und Scham lagen nah beieinander.

Singspaß mit Handmikro.

Da jeder heiße Trend irgendwann einmal stirbt (oder mittels technischer Weiterentwicklung transformiert wird – Stichwort SingStar), sind von diesen Bars nur eine Handvoll übrig geblieben, die hauptsächlich von rudelweise alkoholisiert auftretenden Junggesellinnenabschieden leben. Klarerweise will frau sich als (angehender) Bühnenprofi nicht auf dieselbe Stufe, respektive Bühne stellen. Aber ist diese Arroganz gerechtfertigt?

Vereinzelt finden sich noch Etablissements, in denen frau (großteils) nüchtern auf die Bühne tritt und den Song vorbereitet hat. Oft handelt es sich beim Publikum um angehende Künstlerinnen, die in verschiedenen Ausbildungen stecken, oder um Hobbyperformerinnen, die ambitioniert Workshops und Volkshochschulkurse besuchen. Diese wollen ihr Hobby mit Gleichgesinnten teilen, Bühnenluft schnuppern und einfach Auftrittserfahrung sammeln. Oder auch sich oder etwas ausprobieren – einen neuen Song, eine Performanceidee oder einfach die Möglichkeit, zu zwei oder mehrt zu singen.

Und genau hier ist der Punkt. Karaoke ist, was man draus macht. Bist du eher der immer super vorbereitete Kontrollfreak, der den Notensatz auswendig lernt und das 100% gleiche Playback braucht? Das kann keine Bar garantieren (außer du bringst die Datei selbst mit). In dem Fall ist SingStar oder ein eigenes Konzert eher etwas für dich.

Bist du eher spontan, willst etwas ausprobieren oder einfach Spaß mit Gleichgesinnten haben? Willst Bühnenluft schnuppern, Auftrittserfahrung sammeln und deine Präsenz und Performance am „lebenden Objekt“ testen? Dann könntest du in Karaokebars viel Spaß haben. Vor allem, wenn du die hochfrequenten Alk-Zeiten (also Freitag und Samstag zu fortgeschrittener Stunde) meidest, um unter den Junggesellinnenabschieden nicht unterzugehen. Außerdem von Vorteil: eine rauchfreie Bar und eine gute Portion Lockerheit. Das Equipment hier wird nicht top sein, womöglich hörst du das Playback nur auf gut Glück und auch wenn du nüchtern bist: das Publikum wahrscheinlich nicht. Von lautstarkem Mitsingen bis kompletter Ignoranz ist alles möglich. Lern damit zu leben, konzentrier dich auf deine Crew (geh niemals allein) und hab einfach Spaß. Und wenn du dich doch irgendwie blamierst: das gehört dort dazu. Und fünf Minuten später (wenn der nächste Act auf der Bühne steht) kräht kein Hahn mehr danach. Durchatmen und applaudieren!

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Für euch getestet: Smule

Durch Zufall bin ich auf diese Karaoke-App gestoßen. Sie wurde in einer Zeitschrift für Singanfängerinnen empfohlen. Aber was für Vorteile hat eine (noch dazu kostenpflichtige) App gegenüber dem einfachen Mitsingen von Videos bei youtube?

Das Auffinden im App Store und die Installation gestalten sich schnell und simpel. Das Logo erinnert nicht umsonst an SingStar, denn die App hat das populäre Karaokespiel ganz einfach ins Web geholt und ist sehr erfolgreich damit. Nur logisch, dass es auch einen eigenen youtube-Kanal gibt und die App auf Instagram vertreten ist.

Nach der Installation ist ein persönliches Profil einzurichten (dabei gibt es Vorschläge für den Benutzernamen entsprechend der Mailadresse) mit Foto und bis zu vier Vorlieben für Musikstile (z.B. Rock, Musical, 70er, …). Dann braucht Smule natürlich Zugriff auf dein Mikrofon und empfiehlt dringend das Benutzen von Kopfhörern. Dies verbessert auch die Aufnahmequalität. Jetzt gilt es nur noch den Lieblingssong zu suchen und loszulegen.

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Screenshot by me

Das Erscheinungsbild von Smule ist das eines sozialen Netzwerkes, nur dass statt Fotos oder Textbeiträgen eben Songs im Vordergrund stehen. Es gibt daher Vorschläge für Songs aus deinen bevorzugten Stilen, eine Suchfunktion und jetzt das Interessante: Leute, die deine Interessen und Vorlieben teilen. Es gibt also mal wieder Likes zu vergeben und Follower zu sammeln. Die Timeline ist von Anfang an gut gefüllt, neben Songvorschlägen und ähnlichen Videos anderer User gibt es auch Werbung.

Die Songauswahl ist groß (um die 500.000 Titel, auch die schrägsten Musicalsongs habe ich gefunden), die Videoqualität sehr gut. Bei der kostenlosen Testversion (eine Woche, danach automatisch Abo für EUR 9,90 im Monat) bekommst du einen Song geschenkt, den du allein performen, dabei aufnehmen, danach in einem kleinen Mixboard noch etwas aufpolieren und schließlich veröffentlichen und mit der Community teilen kannst.

Ansonsten gibt es kostenlos nur noch die Option Join, bei der du (nach Einladung, davon gibt es mehr als genug) bereits in von anderen gepostete Videos im Duett mitsingen kannst. Sicher eine gute Sache für ungeübte Sängerinnen, allerdings erinnert mich die Darstellung mit den blauen Balken für die Tonhöhe und die danach vergebenen Punkte für die „Treffsicherheit“ doch etwas zu viel an SingStar. Und mein elementares Problem mit SingStar ist eben: es killt jede Form von Kreativität. Denn es ist kompetitiv aufgebaut, und um zu „gewinnen“, muss der Song so originalgetreu wie möglich performt werden. Also keine eigene Version des Songs zu erstellen, sondern so genau wie möglich nachzuahmen ist das Ziel. Und das kann eine kreative Sängerin, die sich den Song zu eigen machen will, auf Dauer nur frustrieren.

Im kostenpflichtigen VIP-Status kommen dann noch die Optionen Solo, Duo und Gruppe dazu. Ich habe mich allerdings dazu entschlossen, das Abo wieder zu kündigen. So etwas hätte mir vor zehn Jahren möglicherweise Spaß gemacht, aber mittlerweile habe ich genug Gleichgesinnte in der wirklichen Welt gefunden und keine Scheu (mehr), allein vor Publikum zu singen.

Mein Fazit: Wer gerade erst loslegt und noch komplett unsicher ist mit dem Alleinesingen und der Intonation, also dem Treffen der Töne, für den ist Smule womöglich eine Hilfe. Und um die eigene Performance in der Karaokebar zu verbessern, sicher völlig ausreichend. Auch Gleichgesinnte im Web zu finden, ist natürlich eine gute Sache. Also ein Spaß für Leute, die mit ihrem Hobby in der Realität allein dastehen, gern so etwas wie SingStar spielen und keinen weiteren Ehrgeiz in der Sache entwickeln. Wobei ich dann immer noch eher die zahlreichen Mitsingoptionen auf diversen Musical-DVDs (etwa Mamma Mia! oder Shrek) ausprobieren würde. Die kosten zwar auch Geld, aber nur einmal.

Aber wer es ernst meint, kommt ums Notenlesen lernen und entsprechenden Unterricht mit Stimmbildung, Hören, Üben usw. meiner Meinung nach nicht herum. Mein Rat daher: spart euch das Geld. Es gibt genug Karaoketracks auf youtube, mit denen man kostenfrei und zu mehrt Spaß haben kann.

Was tun, wenn die Stimme streikt?

Da hast du dich so bemüht, mehr aus deiner Stimme zu machen und jetzt das: sie ist nicht gut steuerbar, klingt rau oder ist sogar ganz weg. Genauer gesagt: die Rachenschleimhaut ist trocken und/oder die Stimmlippen sind angeschwollen.

Neben banalen Ursachen wie Infektionen, Reflux oder Rauchen kann daran natürlich auch etwas Ernsthaftes wie eine Schilddrüsenerkrankung stecken. Auch psychische Erkrankungen wie etwa Depressionen haben Einfluss auf die Stimme. Was natürlich nur per Arztbesuch abklärbar ist. Generell gilt: wenn so ein Zustand länger als vierzehn Tage dauert, ab zum HNO!

Ich widme mich hier der häufigsten Ursache und alten Sängerinnenkrankheit „Überlastung“. Grundsätzlich sollte sechs Stunden Sprechen pro Tag problemlos möglich sein. Mit guter Technik auch mehr (Pädagoginnen wissen, was ich meine). Streikt also die Stimme, ist es oft ein Mix aus Veranlagung, aktueller Verfassung (Ver„stimm“ung ist doch ein tolles Wort!) und schlechter Technik. Äußere Umstände wie klimatisierte (trockene) Raumluft oder Feinstaub tun ihr Übriges.

Dauerhafte Fehlbelastungen können sogar Knötchen und Polypen auslösen, die nur mit viel Geduld und Logotherapie wieder von selbst verschwinden. Unter Umständen müssen sie operativ entfernt werden. Lass es nicht soweit kommen! Hier sind meine Tipps sowohl vorbeugend als auch akut gegen den Drachen im Rachen.

  • Pause ist Training!

Das gilt beim Singen wie jeder (anderen) Körpersportart auch. Es bringt nichts, den Organismus mit zu langen Trainings zu überfrachten. Der Lerneffekt wird dadurch nicht größer. Gönn dir oft genug Pausen.

  • Genug trinken

Ohne Schmiere läuft der Apparat nicht. Gemeint ist damit natürlich hauptsächlich Wasser und Tee. Weil im Netz oft irreale Mengenangaben kursieren: 1-2 Liter pro Tag sind genug. Am besten immer eine Trinkflasche mit zur Gesangstunde oder Chorprobe nehmen. Allerdings: Finger weg von Kohlensäure! Die reizt den gesamten Hals noch mehr.

  • Raumklima verbessern

Topfpflanzen, häufiges Lüften, Wassergefäße an der Heizung oder auch ein Luftbefeuchter (sauber halten!) können die Raumluft im Probenkeller angenehmer machen.

  • Lutschen oder nicht lutschen?

Kommt drauf an, was. Normale Hustenzuckerl, Halsgummis oder Befeuchtendes aus der Apotheke sind sicher nicht verkehrt und prophylaktisch anwendbar. Von Scharfmachern wie des Anglers Freund und sonstigem mit Minze rate ich hab. Das trocknet das System aus.

  • Auf richtige Technik achten

Und zwar nicht nur beim Singen, sondern auch beim Sprechen. Deutlich artikulieren (formen), gut betonen, Atem richtig dosiert einsetzen, Sprechtempo verlangsamen, Lautstärke reduzieren. Wetten, dass man dir so auch mehr Gehör schenkt?

 

Und wenn es mich erwischt hat?

  • Stimme schonen, aber auf keinen Fall flüstern!

Das ist eines der schlimmsten Dinge, die du deiner Stimme antun kannst. Durch die Reibung strapazierst du die Stimmlippen nur noch mehr. Entweder leise und deutlich artikulieren oder nur schriftlich kommunizieren. Als erstes natürlich Probe und Gesangstunde absagen. Und wenn wir schon dabei sind: Husten, aber nicht räuspern! Auch dabei schlagen die Stimmlippen mit unnötigem Druck aneinander.

  • Noch mehr Flüssigkeit

Jaja, ist langweilig, hilft aber wirklich. Ingwertee, Honig, heiße Zitrone, die üblichen Hausmittel. Mir hat auch schon Zwiebelsaft geholfen (klein gehackte Zwiebeln mit Honig übergießen, halben Tag stehenlassen und den Saft schluckweise trinken). Musst du aber drei Tage durchziehen.

  • Nasendusche und Therapiesalz

Ekelhaft, aber sehr effektiv: Nasenspülungen oder Gurgeln mit Salzwasser. Damit gelingt es unter Umständen sogar, das Gröbste abzufangen. Zweimal am Tag beinhart durchziehen!

  • Letztendlich zur Ärztin gehen!

Ja, ich wiederhole mich, aber es geht ja schließlich um dein Instrument. Also: Wenn du dir über die Ursache nicht klar bist und der Zustand länger als drei Tage anhält: ab zur HNO!

Wie fange ich an?

Angenommen, du singst gern. Okay, das tun die meisten Menschen. Singen ist bekanntlich gesund, dient dem Stressabbau und macht glücklich. Leider wurde den meisten Menschen das Vertrauen in ihre Fähigkeit aberzogen. Die Mehrheit ist der Meinung, nicht gut (genug) singen zu können, um andere daran teilhaben zu lassen.

Aber stimmt das auch? Nur weil der Musiklehrer in der Unterstufe mehr Wert aufs Notenlesen gelegt und dich daher schlecht benotet hat oder du als Pubertier keine Lust auf Chor oder Klavierüben hattest? Womöglich war einfach die Liedauswahl schlecht. Auch die allgegenwärtigen Castingshows leisten ihren Beitrag zum Selbstwertabbau: offenbar kann man sich ohne langjährigen Unterricht und mindestens zwei eigene Bandgründungen (inkl. Instrumentenselbstbau) dort keinesfalls hintrauen. Umstände, die es allen noch schwerer machen, die Lust am Singen (wieder-) zu entdecken.

Also machst du notgedrungen: nichts. Oder jedenfalls nicht viel. Summst oder singst (je nach Kondition) also mit der Musik im Fitnesscenter mit, rockst zum Autoradio ab oder lässt in der Dusche ein paar Töne raus. Mutigere stehen beim Junggesellenabschied zumindest im Pulk auf der Karaokebühne oder testen im Club oder Popkonzert, ob sie mehr drauf haben als die Boxen. Lustig, aber auch nur zum Stressabbau geeignet sind Veranstaltungen wie Rudelsingen oder Kinoaufführungen von Musikfilmen mit Publikumsmitwirkung. Schade, dass der früher unverzichtbare Typ mit Gitarre, den es an jedem Lagerfeuer gab, mehr oder minder ausgestorben ist. Genauso wie die Lagerfeuer-Situationen. Heute spielt man Bluetooth-Boxen ab.

Aber so richtig loslegen und singen lernen? Muss man da nicht schon als Kind anfangen? Und diese uncoolen Chöre, in die man da gehen muss – entweder uralte deutsche Volkslieder oder religiöses Zeug singen müssen? Interessiert mich nüsse. Und ich schätze, dir ergeht es ebenso. Trotzdem ist da dieses Interesse, dieser Drang, mehr wissen zu wollen, mehr draus zu machen. Keinesfalls hauptberuflich, aber ein schönes Hobby; jedenfalls mehr Zeit damit verbringen. Ich selbst habe mich jahrelang in Tanzausbildungen geflüchtet, um mir nicht eingestehen zu müssen, wo ich eigentlich hin wollte. Wofür ich brenne. Zwanzig Jahre Stepptanz sind zwar ein gutes Rüstzeug für Rhythmik und Showerfahrung, aber außer Mitsummen beim Warmup hat es mich meinem heimlichen Ziel keinen Schritt weiter gebracht. Ich dachte schlicht, kein Recht auf Vertiefung zu haben. Bin ja kein Jahrhunderttalent, welches das locker beruflich machen könnte. Tanzen geht schließlich als Fitnesstraining durch.

Die gute Nachricht ist: das alles stimmt nicht mehr. So gut wie jeder Mensch kann singen – das unterscheidet uns von den Tieren (nein, Vogel- und Walgesang gelten nicht, die haben einen anderen Zweck). Nur etwa 4 % leiden an Amusie, d. h., sie können vorgegebene Tonfolgen nicht richtig hören bzw. wiedergeben. Meist tritt dies nach Schlaganfällen auf, es gibt aber auch genetische und somit angeborene Ursachen. Der Rest von uns ist einfach ungeübt und oft seit Jahren entmutigt.

Glücklicherweise muss das nicht so bleiben! Die grassierende Spaßkultur hat ja einen Markt für Hobbys und Selbstverwirklichung geschaffen. Auch für (angehende) Hobbysängerinnen jedes Alters gibt es heutzutage jede Menge Kurse, Workshops und Vereine.

Wer also nicht der Typ „geborene Rampensau, jede Woche im Karaokeclub“ ist und es etwas langsamer angehen will oder überhaupt mal testen, was so drin ist (Talent und Vorwissen schadet ja nicht – je nachdem musst du eben mehr oder weniger Arbeit in die Stimme stecken, was wiederum von deinen Zielen und Prioritäten abhängt), hat die Möglichkeit, einen kurzen Chorworkshop, etwa übers Wochenende, zu machen. Oder einen Gesangsworkshop in der Gruppe. Da musst du dich anfangs überhaupt nicht allein exponieren, sondern probierst dich mit und in der Gruppe aus. Hat den Vorteil, auch auf Gleichgesinnte zu treffen und den eigenen Freundeskreis womöglich erweitern zu können.

Mutigere, siehe oben, vereinbaren eine Probe-Gesangsstunde (das macht eigentlich jede/r Lehrer/in) oder auch mehrere.

Hast du Blut geleckt und willst das Angetestete vertiefen, gibt es auch Angebote für den Urlaub. Oder Semesterkurse. Für Anfängerinnen meist optional mit oder ohne Auftritt (der ist wiederum ein Thema, das ich gesondert behandelt habe).

Ein guter Ansatzpunkt sind die lokalen Volkshochschulen. Sie bieten meist alles Mögliche breit gefächert von Musical bis Klassik. Moderner und „cooler“ sind oft private Anbieter, dafür nicht so günstig. Trotzdem: such dir was aus und trau dich! Nimm notfalls eine Freundin mit. Aber fang an!


	

Im Rausch des Konzerts

Im Leben der allermeisten SängerInnen kommt irgendwann DER Moment. Auch wenn es nett ist, im stillen Kämmerlein für sich selbst zu singen oder gemeinsam im Chor – das Erlernte soll normalerweise auch präsentiert werden. Das löst meist eine Mischung aus Angst/Nervosität und Aufgekratztheit aus; ein Zustand, in dem ich mich manchmal stundenlang befinde.

Machen die Vorbereitungen meist noch große Freude (Outfit, Frisur, Makeup, solche Dinge) oder stiften Verwirrung (Soundcheck, Proben für Auf- und Abgang), gibt es auch echte Kandidaten für Überforderung. Zum Beispiel, wenn neben dem Singen auch noch ein Stageing gefragt ist, also eine Art Bewegungsablauf auf der Bühne (stehen, gehen, sitzen, wann, wo, wer, wohin) oder gar eine Choreografie getanzt werden muss. Bei Musicalchören nicht so selten.

Wie vermeide ich jetzt also die blanke Panik bzw. Aussetzer wie Text-Amnesie oder falsches Timing? Hier meine Tipps.

 

 1. Lass dir Zeit.

 

Du bist bereit für die Bühne, wenn du neugierig und „heiß“ drauf bist. Nicht, weil es ein/e Lehrer/in sagt oder Freunde sehen wollen, womit du deine Freizeit verbringst. Oder gar, weil du dir jetzt das coole Outfit gekauft hast oder Weihnachten ist.

2. Überleg dir, was du willst. 

 

Bist du ein Teamplayer, der seinen Beitrag im Chor abliefert, oder eher eine Diva, die möglichst allein in vorderster Reihe alle Aufmerksamkeit fordert? Oder vielleicht irgendetwas dazwischen – es gibt ja auch kleine Ensembles, Duett- oder Trio-Möglichkeiten. Was liegt dir? Was macht dich glücklich? Es geht hier um deine Freizeit, die solltest du nicht mit Panik schieben verbringen.

3. Wähle den richtigen Song. 

 

Du solltest ihn in absehbarer Zeit nicht nur fehlerlos, sondern gut hinkriegen. Natürlich wirst du an dem Stück wachsen und weiterlernen. Aber überfordern sollte es dich nicht. Es sollte dir nicht nur gefallen, sondern auch zu dir passen. Kriegst du den Text auch beim tausendsten Mal überzeugend hin? Kannst du ihn gut auswendig lernen? Ist das Tempo gut für dich? Ist der Song weder (viel) zu hoch noch zu tief? Falls ja, kann das Playback transponiert (=in eine andere Tonart versetzt) werden? Das alles ist womöglich beim Traumsong, den du seit deinem 15. Lebensjahr zum Best geben willst, nicht gegeben. Probier also ruhig mehrere Sachen durch und hör auf Vorschläge kompetenter Personen (GesangslehrerIn, Chorleitung).

4. Üben, proben, merken und das Ganze von vorn.

Wenn Publikum dich nervös macht, trag den Song daheim vor Freiwilligen vor. Kann ja auch erstmal die Katze sein. Später dann Familie, PartnerIn oder Freunde. Taste dich ran.Nimm dich auf Video auf und schau dir das Ergebnis an (notabene: die meisten Handykameras sind nicht sonderlich gut bei Tönen, also wundere dich nicht bei schrägen Ergebnissen, hier geht es mehr um die optische Performance).

 

Probier verschiedene Bühnenoutfits aus und mach Fotos davon. Trage neugekaufte Schuhe gut ein. Achte bei hohen Schuhen darauf, dass du gut damit gehen kannst (übe das notfalls vorher).

Dein Part sitzt, wenn du ihn rückwärts im Schlaf kannst. Sei kein Adrenalinjunkie, der mit ungefährem Textwissen und improvisiertem Stageing loslegt (das ist schon auf einer normalen Karaokebühne relativ peinlich). Die Nervosität kommt ohnehin automatisch, weil die Bühne einfach eine Ausnahmesituation ist. Aber zusätzlichen Druck kann dort niemand brauchen. Also schau, dass jeder Ton und jedes Wort sitzt.

5. Was tun, wenn etwas schief gelaufen ist?

 

Eine Horrorsituation: so gut war ich vorbereitet, und jetzt fällt der Strom aus. Oder der Text ist komplett weg. Ein Schuhabsatz bricht ab. Die Alptraumszenarien sind mannigfaltig. Natürlich gibt es immer die Möglichkeit, dass etwas außerhalb deiner Verantwortung schief geht. Das ist dann höhere Gewalt und somit Pech und wird vom Publikum auch so verstanden. Und wenn du selbst etwas vergeigt hast? Dann hast du etwas fürs Leben gelernt. Was immer es war, es wird dir nie wieder passieren. Und die nächste wichtige Lektion ist: dieses Scheißgefühl, versagt zu haben, geht früher oder später wieder vorbei. Auch wenn diese Auftritt der wichtigste deines Lebens war: spätestens nach 24 Stunden herrschen bei allen anderen Menschen andere Prioritäten vor. Und das sollte auch bei dir so sein. Was ist denn im großen kosmischen Zusammenhang schon schlimmes passiert? Ein guter Spruch dazu ist folgender: „Wir operieren nicht am offenen Herzen.“ Niemand stirbt, weil du einen Fehler gemacht hast. Nimm es mit Humor und steh dazu. Beim nächsten Mal wird ohnehin alles anders!

„Seit wann singst du?“

Ich finde diese Frage schwierig zu beantworten. Habe ich das nicht schon immer getan? Im Kindergarten, in der Schule, unter der Dusche, später zum Autoradio, abends im Club, im Fitnessstudio oder im Steppkurs (auch wenn die Luft beim gleichzeitigen Tanzen knapp wurde). Singen ist ein relativ intuitives Instrument zum Stressabbau, zur Meditation oder einfach um Gefühle rauszulassen. Unverzichtbar in vielen Gefühlslagen!

Meist ist mit der Frage aber der Zeitpunkt gemeint, ab wann man „etwas draus machte“, eine Ausbildung begann, sich professionell mit dem eigenen Instrument auseinandersetzte. Das war bei mir sehr spät der Fall. Meine Stimme ist in Kindheit und Jugend niemand besonders aufgefallen. Auch wenn ich als Kleinkind durchaus Rampensau-Ansätze zeigte, wurden mir diese während der Schulzeit effektiv ausgetrieben. Halte dich im Hintergrund, spiel dich nicht auf, niemand mag Angeber, ihr kennt das (zumindest die Frauen unter euch). Noch dazu wuchs ich in einer Ära ohne Talentshows im TV auf. Der allgemeine Glaube war, dass man (um eine stimmliche Ausbildung oder gar einen beruflichen Weg zu rechtfertigen) ein wirklich außergewöhnliches angeborenes Stimmtalent sein Eigen nennen musste. Zumindest wurde dieser Eindruck in Filmen und Büchern vermittelt. Wieviel in der Stimmbildung von Fleiß, Technik und vielen anderen Faktoren abhängt, war mir unbekannt. Auch in der Schule wurde maximal im Chor gesungen, was mich damals nicht interessiert hat. Ich lernte fast acht Jahre lang Klavier, allerdings eher aus Pflichtgefühl denn echter Begeisterung, und hörte auf, als ich in der Pubertät mit Klassik nichts mehr anfangen konnte und in der Musikschule nicht an Noten für modernere Songs herankam. Nichts gegen Bach oder Beethoven, aber eine 14-jährige motiviert man doch mehr mit Sachen, die zumindest bei Simon & Garfunkel anfangen (und in der aktuellen Hitparade enden).

Ich erinnere mich an Musical-Schwärmereien mit Freundinnen im frühen Teenager-Alter, an Kassetten-Aufnahmen mit selbst umgetexteten Gesangseinlagen zu bekannten Hits. Die blieben aber eher unser Geheimnis oder wurden maximal an enge Freunde verschenkt. Nach der Schule wandte ich mich dem Tanz zu (ich habe gut 20 Jahre Stepptanz betrieben, aber auch Jazz/Modern Dance und Hip Hop), konnte mich so mit Musik beschäftigen und verlor meine Stimme aus den Augen. Bis auf Mitsingen zum Autoradio und gelegentliches Grölen bei Konzerten oder in Clubs blieb ich still. Noch ein Grund für dieses Verhalten war die allgemeine Auffassung meiner Umwelt, dass mit Singen ja nichts anständiges anzufangen wäre (im Sinne eines Berufes). Denn wer Singen zum Beruf machen konnte, musste ja, wie oben erwähnt, mit außergewöhnlichem Talent gesegnet sein, das jeder halbwegs kompetenten Person sofort ins Auge (eher Ohr) fallen musste. So etwas ist mir (und vielen anderen SängerInnen, die ich kenne) nie passiert. Und einzelne Personen im Bekanntenkreis, die eine künstlerische Laufbahn einschlugen, hatten es (aus meiner Sicht) sehr schwer. Die Aufnahmeprüfungen für entsprechende Ausbildungsstätten (Schulen, Lehrgänge und Unis) zu schaffen. Die Ausbildung abzuschließen. Ständig immer wieder neu zu Castings quer durch Mitteleuropa zu gondeln für irgendeine kleine, befristete Rolle. Die Spießerin in mir war entsetzt, wie unsicher und mühsam sich dieser Beruf offenbar gestaltet, machte nach der Matura ein Kolleg und wurde Grafikdesignerin. Auch kein so kreativer Beruf, wie er klingt (sehr viel Routine und Bildschirmarbeit dabei), aber ich war zufrieden und hatte mein Auskommen. Zeitweise war ich sogar selbstständig, ohne pleite zu gehen.
Im Sommer 2011 wollte ich mich für eine arbeits- und monetär erfolgreiche Zeit belohnen und allein verreisen (ich war zu der Zeit Single). Außerdem wollte ich etwas neues lernen. Stepptanz hatte aufgrund von Knieprobleme vor kurzem mehr oder minder ad acta gelegt. Mein Plan B war schon immer, einem Gospelchor beizutreten, wenn ich zu alt (oder dick) fürs Steppen werden sollte. Damit hatte ich allerdings eher mit 70 gerechnet, nicht Ende 30. Ich beschloss also, mir einen Anfängerkurs für Chorgesang zu suchen und wurde in Norddeutschland sowie Italien fündig. Lange überlegte ich hin und her und entschied mich dann für Norddeutschland. Ich hatte damals kein autobahntaugliches Fahrzeug und der italienische Kursort lag irgendwo im Nirgendwo. Deutschland hielt ich für besser organisierter. Kurzfristig entschied sich dann noch eine Freundin, mitzukommen und wir leisteten uns ein Mietauto. Der einwöchige Chorworkshop traf nicht ganz unseren Geschmack (zu schräge bzw. religiöse Liedauswahl, auch den Schwerpunkt „afrikanische Gesänge“ hatte ich bei der Anmeldung wohl ausgeblendet). Trotzdem lernte ich erste Grundlagen, traf Gleichgesinnte und hatte einfach Blut geleckt.
Zuhause angekommen, erinnerte ich mich an ein Plakat, das ich Monate zuvor in der Stadt gesehen hatte (mach’s nicht nur unter der Dusche, mach’s mit uns!), nahm meinen Mut zusammen und vereinbarte dort eine Gratis-Gesangsstunde. Am Weg dorthin starb ich noch tausend Tode der Sorte „Was, wenn die mich dort auslachen und heimschicken?“ Singen ist eben doch um einiges persönlicher als z. B. ein Instrument vorzuspielen. Auf die Idee, dass Leute, die mit Gesangsstunden Geld verdienen, wohl kaum ihre Erwerbsquelle einfach wegschicken würden, kam ich gar nicht.
Glücklicherweise hielt ich nervlich durch und erntete für meine Darbietung gleich ein paar Komplimente und noch mehr Tipps. Ein paar Workshops später brachte ich einfach ein Ziel vor Augen (ich übe nicht allein zuhause, wenn ich keine Aussicht auf eine Aufführung habe) und meldete mich todesmutig für einen Musical-Anfängerkurs (inkl. Abschlussaufführung) in der Volkshochschule an. Dieser Kurs war eine Offenbarung für mich. Seither weiß ich erst, wie sehr ich für die Bühne brenne. Und seither ist mein Leben um so viel besser.

Die Antwort auf die Frage „Seit wann singst du eigentlich?“ lautet also: immer schon, und intensiv seit 2011.